09 April, 2026, Studiengang MCP / HKB-BFH
Die digitale Transformation stellt die Schweiz vor tiefgreifende gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Weichenstellungen. Daten, Algorithmen und KI-Anwendungen entwickeln sich zunehmend zu zentralen Infrastrukturen, die prägen, wie Verwaltung, Forschung, Wirtschaft und Öffentlichkeit miteinander agieren.
Studierende des HKB/BFH-Masterprogramms «Multimedia Communication & Publishing» haben sich dieser Entwicklung angenommen – mit besonderem Fokus auf den Bereich der Digitalen Gesundheit: gesellschaftlich sensibel und politisch vielschichtig. Am Beispiel der nationalen Digitalstrategie DigiSanté zeigt sich, wie eng Digitalisierung und Datenschutz miteinander verflochten sind. Die Fallstudien zum Inselspital Bern (Epic) und zum Start-up Smilamind verdeutlichen, wie organisatorische Veränderungen und regulatorische Rahmenbedingungen den Einsatz innovativer digitaler Lösungen prägen. Gleichzeitig machen die Praxisbeispiele klar: Vertrauen und Transparenz bleiben zentrale Voraussetzungen für eine erfolgreiche digitale Gesundheitsversorgung.
Dass die Schweiz in Sachen Digitalisierung des Gesundheitswesens hinterherhinkt, machte spätestens die Corona-Pandemie deutlich, als unter anderen die Aargauer Zeitung titelte: “Ärzte müssen Corona-Zahlen per Fax ans BAG melden […]” (Bernet, 2020). Denn: Digitalisierung gilt als zentrale Treibkraft zur Modernisierung des Gesundheitswesens. Gemäss der gesundheitspolitischen Strategie des Bundesrates (BAG, 2019) sollen elektronische Patientendossiers, telemedizinische Behandlungsformen, interoperable Datenplattformen sowie KI-gestützte Analyseverfahren die Effizienz und Versorgungsqualität verbessern und gleichzeitig neue Möglichkeiten für Forschung und Prävention eröffnen. In der Schweiz stehen diese Entwicklungen aber in einem Spannungsfeld zwischen medizinischem Innovationsdruck und hohen datenschutzrechtlichen Anforderungen. Das überarbeitete Bundesgesetz über den Datenschutz (DSG) stuft Gesundheitsdaten als «besonders schützenswerte Personendaten» ein und verlangt spezifische Schutzmassnahmen wie Zweckbindung, explizite Einwilligung und den Nachweis angemessener Datensicherheit (Bundesgesetz über den Datenschutz [DSG], 2020).
Gleichzeitig betonen Analysen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) sowie des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB), dass digitale Gesundheitslösungen nur erfolgreich implementiert werden können, wenn der Schutz der informationellen Selbstbestimmung gewährleistet ist. Dies führt dazu, dass zentrale Digitalisierungsprojekte – etwa das elektronische Patientendossier (EPD), der schweizweite Einsatz des Klinikinformationssystems Epic (Softwarelösung für klinische Informationssysteme) immer wieder vor rechtlichen, organisatorischen und technischen Herausforderungen stehen (Bundesamt für Gesundheit [BAG], 2024).
Das daraus resultierende Spannungsfeld zwischen technologischem Fortschritt und datenschutzrechtlicher Begrenzung prägt die Debatte über die Zukunft der digitalen Gesundheitsversorgung in der Schweiz. In diesem Kapitel wird untersucht, wie der Datenschutz die Digitalisierung anhand des Beispiels von Epic konkret beeinflusst, welche strukturellen Hindernisse entstehen, inwiefern der Schutz seine Berechtigung hat und wo er den Fortschritt womöglich zu stark einschränkt.
DigiSanté als nationale Strategie
Die nationale Digitalstrategie DigiSanté, 2023 vom Bundesrat lanciert, bildet heute den zentralen Referenzrahmen für die digitale Transformation des Schweizer Gesundheitswesens. Ziel des Programms ist es, bis 2034 eine moderne, vernetzte und interoperable digitale Infrastruktur zu schaffen, welche die Effizienz, Patientensicherheit und Versorgungskoordination nachhaltig verbessert. DigiSanté versteht sich dabei nicht lediglich als IT-Modernisierungsprojekt, sondern als umfassender Strukturwandel, der medizinische Prozesse, rechtliche Grundlagen, föderale Zuständigkeiten und technische Standards gleichermassen betrifft (BAG, 2025).
Ein Kernanliegen von DigiSanté ist die Interoperabilität zwischen Spitälern, Arztpraxen, Apotheken, Pflegeinstitutionen und Behörden. Die Strategie sieht deshalb den Aufbau schweizweit einheitlicher Datenstandards und Schnittstellen vor. Dazu gehören unter anderem einheitliche Terminologien, semantische Standards für klinische Daten und verbindliche Vorgaben für den Austausch von elektronischen Gesundheitsinformationen. Insbesondere die Weiterentwicklung des elektronischen Patientendossiers (EPD) spielt in diesem Kontext eine zentrale Rolle, da es als zukünftige Hauptdrehscheibe des digitalen Gesundheitsdatenaustauschs fungieren soll.
Zugleich erkennt DigiSanté die hohen Anforderungen an Datenschutz und Cybersicherheit explizit an. Die Strategie betont, dass Digitalisierung nur dann nachhaltig funktionieren kann, wenn sie auf einem stabilen Fundament von Vertrauen, Transparenz und Datensouveränität ruht. Dementsprechend fliessen signifikante Mittel in die Verbesserung der IT-Sicherheit, in die Entwicklung von Governance-Modellen für sensible Gesundheitsdaten sowie in die Klärung rechtlicher Grundlagen für datenintensive Anwendungen wie KI-basierte Diagnostik oder automatisierte Entscheidungsunterstützungssysteme.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Koordination im föderalen System. Die Schweiz verfügt über 26 kantonale Gesundheitssysteme, die historisch gewachsen und heterogen organisiert sind. DigiSanté hat daher die Aufgabe, nationale Vorgaben mit kantonalen Zuständigkeiten zu harmonisieren. Die Strategie setzt hierfür auf kooperative Governance-Strukturen, Dialogformate mit Stakeholdern sowie eine modulare Umsetzungsarchitektur, die sowohl zentrale als auch dezentrale Elemente zulässt.
Insgesamt stellt DigiSanté somit den Versuch dar, die fragmentierte Schweizer Gesundheitslandschaft in ein kohärentes, digital vernetztes Ökosystem zu überführen – unter Wahrung der hohen datenschutzrechtlichen Standards, die den Handlungsspielraum zugleich strukturieren und begrenzen.
Wie der Datenschutz die Digitalisierung begrenzt
Der Schweizer Datenschutz setzt der Digitalisierung im Gesundheitswesen in mehrfacher Hinsicht klare Grenzen. Diese Begrenzungen sind nicht zufällig, sondern folgen aus der Einordnung von Gesundheitsdaten als besonders schützenswerte Personendaten (DSG, 2020). Dadurch unterliegen digitale Gesundheitsprojekte besonders strengen rechtlichen, technischen und organisatorischen Anforderungen (Eidgenössischer Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragter [EDÖB], 2024). Die wichtigsten Begrenzungsmechanismen lassen sich in fünf zentrale Bereiche gliedern.
Strenge Einwilligungsanforderungen
Gesundheitsdaten dürfen in der Schweiz grundsätzlich nur mit expliziter Einwilligung der betroffenen Person oder aufgrund einer klaren gesetzlichen Grundlage verarbeitet werden (BAG, 2025). Dies gilt selbst dann, wenn der potenzielle Nutzen einer Datenverarbeitung gesellschaftlich hoch wäre – etwa bei Forschungsprojekten, KI-Anwendungen oder epidemiologischen Analysen.
Die Einwilligungsprozesse sind oft komplex, erfordern transparente Aufklärung und können nicht ohne Weiteres automatisiert werden. Häufig müssen verschiedene Datenquellen (Spitäler, Praxen, Labore) getrennt einwilligungsrechtlich abgesichert werden, was die Nutzung integrierter digitaler Lösungen verlangsamt oder behindert. Besonders herausfordernd ist dies für Anwendungen, die auf grosse Datenmengen angewiesen sind, wie personalisierte Medizin oder Machine Learning.
Föderale Strukturen als Hindernis
Die föderale Organisation des Schweizer Gesundheitssystems verstärkt die datenschutzrechtlichen Herausforderungen. Kantone besitzen weitgehende Kompetenzen im Gesundheitsbereich – von der Spitalplanung über Registerlösungen bis zur Umsetzung digitaler Infrastruktur (BAG, 2025). Dadurch entstehen unterschiedliche Datenschutzpraktiken, Governance-Modelle und IT-Systeme.
Für digitale Projekte bedeutet dies:
- unterschiedliche kantonale Aufsichtsbehörden,
- heterogene Interpretationen des DSG,
- divergierende technische Standards,
- erschwerte Datenmobilität zwischen Kantonen.
Diese Fragmentierung wirkt als strukturelle Bremse für nationale Plattformen und erschwert die Schaffung eines einheitlichen digitalen Gesundheitsökosystems.
Dabei können ein strenger Datenschutz und die Digitalisierung im Gesundheitswesen auch Hand in Hand funktionieren. Das wird mit einem Blick in andere europäische Länder deutlich. Beispielsweise in Estland wurde 2008 ein landesweites elektronisches Gesundheitsinformationssystem eingeführt, welches Krankenhäuser, Hausärtz:innen, Apotheken etc. miteinander verbindet. Seit 2009 können die Patient:innen auf ihre eigenen Daten über ein Gesundheitsportal direkt zugreifen. Alle Patient:innendaten werden dezentral gesammelt und bleiben bei den Leistungserbringern. Zusätzlich wird jeder Zugriff auf die Daten protokolliert und Patient:innen erhalten transparenten Einblick, wer ihre Akte eingesehen hat (e-estonia, 2015). Heute sind gemäss der internationalen Vergleichsstudie «NORDeHEALTH 2022» machen 64 % aller estnischen Teilnehmer:innen sehr positive Erfahrungen mit ihrem Portal.
Der Datenschutz hat seine Berechtigung, wenn es um den Umgang mit sensiblen Patient:innendaten geht. Er ist die Grundlage eines zukunftsorientierten und vertrauenswürdigen Gesundheitsportals und sollte folglich auch als dies betrachtet werden, nicht als Bremse. Die Herausforderung besteht darin, eine Balance zwischen Effizienz, Sicherheit und individuellen Grundrechten herzustellen – eine Herausforderung, die aktuell im Zentrum der politischen und gesellschaftlichen Diskussion steht.
Fallstudien: Inselspital Bern – Digitale Transformation mit Epic
Chancen, Grenzen und Lehren für die Schweiz
Die Einführung des Klinikinformationssystems Epic an der Insel Gruppe im März 2024 zählt zu den bedeutendsten digitalen Transformationsprojekten im Schweizer Gesundheitswesen. Mit der Ablösung von rund 50 Einzelsystemen und der Schaffung einer einheitlichen, spitalweiten Patientenakte wurde ein technologischer und organisatorischer Paradigmenwechsel vollzogen. Die Fallstudie zeigt exemplarisch, wie integrierte Datenplattformen, klinische Praxis und datenschutzrechtliche Rahmenbedingungen ineinandergreifen und wo die Schweiz strukturell an Grenzen stösst.
Von Insellösungen zur integrierten Versorgungsplattform
Epic konsolidiert sämtliche patientenrelevanten Informationen, Diagnostik, Medikation, Pflege- und Therapiedaten in einer zentralen Akte. Damit entfallen Medienbrüche, die zuvor Abläufe verlangsamt, Informationslücken erzeugt und redundante Untersuchungen begünstigt hatten. Für Patientinnen und Patienten bedeutet dies eine deutlich höhere Versorgungskontinuität: Mehrfachidentifikationen oder erneute Anamnesen werden ebenso reduziert wie unnötige Wiederholungsdiagnostik.
Flankierend wurde das Patientenportal myInsel eingeführt, das einen selbstbestimmten Zugang zu Befunden, Medikamentenlisten oder Austrittsberichten ermöglicht. Zugleich können Termine verwaltet und Angehörige berechtigt werden. Diese neue Form der digitalen Interaktion stärkt die informationelle Autonomie der Patient:innen und erhöht die Transparenz im Behandlungspfad. Dies ist ein wichtiger Faktor für das Vertrauen in die digitale Transformation.
Datenqualität als strategischer Erfolgsfaktor
Die strukturierte Datenerfassung ist einer der grössten Mehrwerte des neuen Systems. Während zuvor unstrukturierte oder papierbasierte Informationen dominierten, entsteht nun ein konsistenter, interoperabler Datenpool. Dieser unterstützt klinische Entscheidungen, ermöglicht Qualitätsmanagement in Echtzeit und schafft neue Potenziale für Forschung und Innovation.
Gleichzeitig erfordert diese Datenqualität ein hohes Mass an Prozessdisziplin. Die Akzeptanz und Kompetenz der Nutzer:innen bestimmen, ob Daten korrekt, vollständig und strukturiert erfasst werden. Bereiche, die früh in die Vorbereitung eingebunden und umfassend geschult wurden, berichten von klaren Effizienzgewinnen. Andere Bereiche, die nur begrenzt am Vorprojekt beteiligt waren, standen hingegen vor erheblichen Umstellungsschwierigkeiten. Dies zeigt: Digitalisierung ist weniger eine technische als eine organisatorische Herausforderung.
Datenschutz: Essenzielle Leitplanke, operative Hürde
Mit der Zentralisierung sensibler Gesundheitsinformationen steigt der Schutzbedarf erheblich. Epic bietet dafür eine differenzierte Rechtearchitektur, Protokollierungssysteme sowie Begründungspflichten beim Zugriff auf besonders schützenswerte Daten. Diese Mechanismen schaffen Transparenz und Nachvollziehbarkeit.
Gleichzeitig bleiben datenschutzrechtliche Anforderungen ein begrenzender Faktor. Besonders der institutionsübergreifende Datenaustausch, etwa mit regionalen Spitälern, der Universität oder Forschungseinrichtungen, ist häufig durch komplexe Einwilligungsprozesse erschwert. Ärztinnen und Ärzte müssen bei Verlegungen oder interdisziplinären Kooperationen oft mehrfach Einverständnisse einholen, obwohl Patient:innen bereits im gemeinsamen Behandlungspfad stehen. Dies führt zu Verzögerungen, Informationsfragmentierung und unnötigen Doppeluntersuchungen. Die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Datenfreizügigkeit und strikten medizinischen Schutzmechanismen zeigt sich hier besonders deutlich.
Digitalisierung über die Dokumentation hinaus: KI und Robotik
Parallel zur Einführung von Epic entwickelt die Insel Gruppe weitere digitale Kompetenzfelder. KI-gestützte Diagnostik. Etwa in der Radiologie oder Labormedizin, unterstützt Fachpersonen bei der Interpretation komplexer Datenmengen. Robotergestützte Prozesse, von automatisierten Labortransporten bis zu OP-Robotern, entlasten Mitarbeitende und erhöhen Prozesssicherheit. Langfristig könnten auch humanoide Assistenzroboter eine Rolle in der Langzeitpflege spielen. Diese Entwicklungen zeigen, dass digitale Transformation weit mehr ist als die Ablösung analoger Dokumentationsprozesse. Sie verändert Rollenbilder, schafft neue Qualifikationsanforderungen und eröffnet gleichzeitig neue strategische Möglichkeiten für die Gesundheitsversorgung.
Perspektive Schweiz: Notwendigkeit nationaler Vernetzung
Im internationalen Vergleich, insbesondere mit skandinavischen Ländern, bleibt die Schweiz bei digitaler Vernetzung und einheitlichen Standards zurück. Regionen mit zentralisierten Strukturen und verbindlichen Triage-Modellen demonstrieren, wie Effizienzgewinne, Kostenreduktionen und koordinierte Versorgung möglich werden. Die Einführung von Epic zeigt, dass technologische Lösungen vorhanden sind, jedoch durch fragmentierte regulatorische Vorgaben und fehlende nationale Digitalstrategien ausgebremst werden.
Das spürt auch Smilamind, ein Startup aus dem Schweizer Gesundheitswesen, das eine daten- und KI-gestützte Plattform entwickelt hat. Die App von Smilamind ist derzeit zur Begleitung und Unterstützung psychotherapeutischer Prozesse konzipiert. Sie besteht aus zwei Kernelementen: Einer Mobile-App für Patient:innen, die es erlaubt, Gesundheitsdaten aktiv (z.B. Stimmung, Symptome) und passiv (z.B. über Wearables wie die Apple Watch gesammelte Aktivitäts- oder Schlafdaten) zu erfassen. Diese Daten werden dann verschlüsselt und sicher in ein Dashboard für Therapeut:innen übertragen, die in Echtzeit einen besseren Überblick über den gesundheitlichen Zustand ihrer Patient:innen erhalten. Dies ermöglicht es Fachpersonen, zwischen den Sitzungen gezielter zu unterstützen und sich besser auf einzelne Termine vorzubereiten.
Konkrete Handlungsempfehlungen, Scores oder eine automatisierte Interpretation der Daten, erhalten derzeit aber weder Patientinnen und Patienten noch Fachpersonen. Hätte die App solche Funktionen, müsste sie als zertifiziertes Medizinprodukt ausgelobt und eine ISO-Zertifizierung (z.B. nach ISO 13485 oder der MDR) durchlaufen werden, und dieser Weg ist besonders lange und kostenintensiv. Für Startups ist dies eine enorme Hürde, die viele finanziell kaum überbrücken können.
Schlussfolgerung
Die Fallstudie der Insel Gruppe zeigt deutlich: Integrierte Plattformen wie Epic können Versorgungsqualität, Datendurchgängigkeit und Forschungspotenziale erheblich verbessern. Gleichzeitig offenbaren sie die Grenzen einer heterogenen, stark regulierten Gesundheitslandschaft. Ein zukunftsfähiges Schweizer Gesundheitssystem erfordert deshalb ein Zusammenspiel aus moderner Datenschutzarchitektur, klarer Governance, und einer kohärenten nationalen Digitalstrategie. Nur so lässt sich das bisher ungenutzte Innovationspotenzial heben, ohne den Schutz der informationellen Selbstbestimmung zu kompromittieren.
Kritik an digitalen Entwicklungen im Schweizer Gesundheitssystem
Die Digitalisierung des Schweizer Gesundheitssystems stösst auf gemischte Reaktionen. Projekte wie Epic oder das elektronische Patientendossier (EPD) werden einerseits als notwendiger Modernisierungsschritt gesehen, andererseits als Ausdruck struktureller Schwächen in Governance, Datenschutz und Implementierungstempo. Der Bericht Public Trust in a Swiss Health Data Space der Digital Society Initiative (DSI) der Universität Zürich hebt hervor, dass mangelndes Vertrauen der Bevölkerung das zentrale Hemmnis darstellt. Technische, rechtliche und organisatorische Unsicherheiten – insbesondere bei der Frage, wer auf Daten zugreifen darf und wie sie geschützt werden – schaffen mehr Skepsis als Akzeptanz. Der Bericht warnt ausdrücklich vor übereilten Systemlösungen, die Vertrauen zerstören, statt es aufzubauen.
Auch das Swiss eHealth Barometer 2025 unterstreicht diesen Spannungsbogen: Obwohl eine Mehrheit den Nutzen digitaler Instrumente wie des EPD grundsätzlich anerkennt, bremsen Datenschutzbedenken, fehlender praktischer Nutzen und geringe Transparenz die Verbreitung. Zivilgesellschaftliche Akteure, etwa die Digitale Gesellschaft, kritisieren insbesondere das Machtgefälle zwischen Bürger:innen, Behörden und IT-Anbietern. Sie fordern einen menschenzentrierten Ansatz, bei dem Patient:innen volle Kontrolle über ihre Gesundheitsdaten behalten. Zentralisierte Datenräume bergen aus ihrer Sicht Missbrauchsrisiken und verschärfen bestehende Ungleichgewichte – ein Risiko, das in Ländern mit stärker integrierten Systemen wie Estland oder Dänemark durch umfassende Datenschutzarchitekturen und klare Governance-Regeln abgefedert wird.
Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass koordinierte, nationale Strategien digital besser funktionieren als föderal zerstückelte Ansätze. Während der UK NHS oder die nordischen Länder digitale Patientenakten landesweit integriert und standardisiert haben, bleibt die Schweiz durch ihren Föderalismus stark fragmentiert. Diese Fragmentierung führt zu verlängerten Implementierungszeiten, parallelen Datensilos und höheren Systemkosten. Studien zeigen, dass Schweizer IT-Projekte im Gesundheitswesen im Schnitt 20–30 % länger dauern und deutlich teurer sind als vergleichbare Vorhaben in Skandinavien – ein Befund, der sich in Start-up-Fällen wie Smilamind widerspiegelt.
Smilamind verdeutlicht exemplarisch die systemischen Herausforderungen: Innovative daten- und KI-basierte Gesundheitslösungen scheitern oft an langen Zulassungsprozessen, hohen Zertifizierungskosten und unklaren rechtlichen Anforderungen für die Sekundärnutzung von Daten. Die daraus resultierenden Verzögerungen mindern Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit junger Unternehmen – ein strukturelles Problem, das auf fehlende regulatorische Agilität hinweist.
Politische und strategische Implikationen
Die vorliegenden Befunde sprechen für eine gezielte Nachjustierung der politischen Rahmenbedingungen. Zentral ist dabei nicht der Abbau von Datenschutz, sondern dessen bessere Integration in Architektur, Prozesse und Governance digitaler Gesundheitslösungen. Drei politische Handlungsfelder stechen hervor:
- Rechtliche Präzisierung: Klare Regelungen zur Datennutzung, insbesondere der Sekundärnutzung für Forschung, müssen Vertrauen schaffen, ohne Innovation zu bremsen.
- Nationale Koordination: Eine zentral abgestimmte digitale Gesundheitsstrategie – etwa im Rahmen von DigiSanté – könnte Standards, Schnittstellen und Zugriffsrechte vereinheitlichen und so Effizienzgewinne ermöglichen.
- Regulatorische Entlastung für Innovation: Schnellere, risikoadaptierte Zulassungsverfahren und strukturierte Datenschutzprüfungen würden Forschungs- und Start-up-Aktivitäten erleichtern.
Digitalisierung im Schweizer Gesundheitswesen bleibt damit in erster Linie eine Governance-Frage. Datenschutz ist kein Hindernis, sondern eine Grundbedingung für gesellschaftliche Akzeptanz – und damit für den Erfolg zukünftiger digitaler Gesundheitssysteme.
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Referenzen:
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